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Donnerstag, 4. Mai 2017



Wir sitzen im Café Strauss, einer ehemaligen Friedhofskapelle. Es herrscht eine angenehme Stille an diesem Ort, die nur vom Zischen und Schäumen der Kaffeemaschine unterbrochen wird. Miako, die ich seit Jahren nicht gesehen habe, sitzt mir gegenüber. Zwischen ihren Terminen auf den Bühnen dieser Welt, hat sie sich die Zeit genommen und erzählt mir aus ihrem Leben. 
Miako habe ich kennengelernt, da lebten wir noch nicht lange in Münster. Damals gab es hier nicht viele Japaner. Bei einem Treffen lernten sich unsere Eltern kennen. 
Miakos Mutter ist eine Konzertpianistin und man kann wohl behaupten, dass Musikalität in der Familie liegt. Im Alter von vier Jahren spielte Miako das erste Mal Geige. Damit war der Grundstein gelegt. Es folgte Unterricht bei renommierten Musikern und Lehrern. Sie gewann dann bald schon den Wettbewerb „Jugend musiziert“ und auch bei zahlreichen europaweiten Wettbewerben hatte sie die Nase vorn und wurde vielfach für ihre Leistungen ausgezeichnet. Heute lebt sie in Berlin und studiert derzeit als Master-Solistin "Alte Musik".  


©Roger Richter


Hej Miako, wie schön das wir uns wiedersehen!
Mir ist bei der Vorbereitung aufgefallen, dass wir uns zwar schon weit über 20 Jahre kennen, aber ich ziemlich wenig über Deinen Hintergrund weiss. Wird höchste Zeit das zu ändern, oder?

Ja, freut mich auch! Dann schieß mal los…

Okay….viele Halbjapaner haben einen Background, hinter dem meist eine spannende und ungewöhnliche Liebesgeschichte steckt.
Erzähl mal, wo haben sich Deine Eltern kennengelernt?

Meine Mutter ist für ihr Musikstudium nach Deutschland gekommen. Es war schon immer ihr Traum in Deutschland Klavier zu studieren. So ist sie mit, ich glaube 22 Jahren, hier rübergekommen, um in Detmold ihre Ausbildung zur Pianistin zu  absolvieren.
Die Familie meines Vaters hat zu der Zeit öfter mal internationale Studenten aufgenommen und in ihrem Haus wohnen lassen. Tja... eine davon war meine Mutter. So haben sich meine Eltern kennen und lieben gelernt. Lustiger Weise haben mein Vater und auch seine beiden Schwestern ihre Partner auf diesem Wege kennengelernt. So sind wir eine sehr internationale Familie geworden. Eine Japanerin, ein Amerikaner und ein Serbier.
Meine Mutter ist dann auch nach dem Studium in Deutschland geblieben. 


Habt Ihr denn noch Verwandte in Japan?

Also meine Großeltern leben beide nicht mehr.
Die beiden Geschwister meiner Mutter leben noch und ich habe Cousins und Cousinen dort. Mit einer hatten wir regelmässig Kontakt und sie hat unsere Familie des öfteren besucht und ihre Ferien bei uns verbracht. Natürlich sind dort auch noch Cousins und Cousinen meiner Mutter, aber da kenne ich kaum welche.

Woher stammt die Familie Deiner Mutter ?

Aus Kyoto. Wunderschön und sehr idyllisch. Sagano arashiyama heißt der Ort. Das ist ein ganz traditionelles Dorf. Dort gibt es noch weite Reisfelder, dichte Bambuswälder, viele Tempel aus der Edo-Zeit und wilde Flüsse. Wirklich richtig schön.
Sehr viele japanische Dichter und Künstler kommen aus diesem Ort.
Mittlerweile ist es sehr touristisch geworden, da man dort viele Samurai Filme gedreht hat und die Gegend so bald ziemlich bekannt wurde.


"Wir haben mindestens zu 50% japanisch gegessen, also hat meine Mutter japanisch gekocht." 

Warst Du denn später mal allein längere Zeit in Japan oder hast dort gelebt oder wolltest Du das?

Eine zeitlang hatte ich ein sehr starkes Bedürfnis danach. So mit sechzehn, siebzehn Jahren fing das an und hat bis Mitte Zwanzig angehalten. Ich habe zu diesem Zeitpunkt, obwohl ich ja nie dort gelebt habe, plötzlich eine stärkere Bindung zu Japan gehabt und es viel mehr als meine zweite Heimat wahrgenommen. Auch hatte ich als Kind oft Heimweh nach Japan. Wenn ich dort war und die Abreise bevor stand, dann war es wie von Zuhause weg zu müssen und ich muss wohl tagelang Herz zerreissend geweint haben.  
Später habe ich mir vor allen Dingen einen eigenständigen Kontakt zu meinen Verwandten gewünscht. Das war ja sprachlich bedingt schwieriger. 

Inwiefern?

Wir sind die ersten Jahre zweisprachig aufgewachsen. Zumindest ich. Also Japanisch war meine Erstsprache und ich habe weniger Deutsch gesprochen. Das hat sich aber gewandelt. Heute kann ich leider nur sehr einfache Unterhaltungen führen.

Wie kam es denn dazu?

Das war ein schleichender Prozess.
Meine jüngere Schwester hat sich von Anfang an geweigert japanisch zu sprechen. Und das sehr beharrlich, wie kleine Kinder eben manchmal sein können. Ihre ersten Worte waren Deutsch und sie hat auf japanische Ansprache hin immer auf Deutsch geantwortet. Wir als Geschwister haben auch nur Deutsch miteinander gesprochen und mit unserem Vater ja sowieso. Es gab noch Phasen, in denen meine Mutter es nochmals versucht hat, aber irgendwann hat sie es dann auch aufgegeben. 
Ich verstehe allerdings sehr viel und merke, wenn ich die Übung habe und viel von der japanischen Sprache umgeben bin, dass es mehr wird und zurück kommt.

So gehts mir auch…

Es ist bei mir auch ein intuitives Sprechen und Verstehen, so wie bei einer Muttersprache.
Ich übersetze im Kopf nichts und denke nicht über die Grammatik nach. 

Wenn Du etwas auf Japanisch sagst, hört sich das für mich auch nach einem Muttersprachler an. 

Ja, das sitzt so drinnen. Momentan ist der Wunsch, die Sprache wieder richtig zu beherrschen, nicht ganz so dominant wie es mal war. Bei mir sind das so Lebensphasen. Ich könnte gerade die Zeit nicht aufbringen, um mich intensiv damit zu beschäftigen.
Vielleicht auch, weil ich derzeit nicht viel Kontakt zur japanischen Kultur habe. Ich treffe beruflich manchmal auf Japaner, aber wir sprechen dann Englisch miteinander.

Und wie ergeht es Deiner Schwester?

So richtig weiß ich das nicht, aber ihr liegt Japan mittlerweile schon sehr nahe. Die Kultur fasziniert sie und sie fliegt auch öfters mit meiner Mutter rüber um Stoffe auszusuchen. 
(Anmerkung: Miakos und Yoshikos Mutter nähen aus schönen japanischen Stoffen Etuis, Handtaschen uvm. Ich bin auch bereits stolze Besitzerin einer solchen Tasche. Mehr dazu bald unter „Schönes“.)

Wie viel Japan hat in Eurem Alltag gesteckt?

Oh schon sehr viel würde ich sagen. 
Vor allen Dingen was das Essen angeht. Wir haben mindestens zu 50 % japanisch gegessen, also hat meine Mutter japanisch gekocht. 
Phasenweise alle Mahlzeiten des Tages. Dann haben wir zum Beispiel Okayu* mit Umeboshi* oder Misoshiru* und Reis gefrühstückt. 
Besonders nach Japanreisen war das Verlangen danach auf meiner Seite besonders groß.

Mittags gab es oft Chirashi Sushi, Karereis *...hmmm. Und wenn Mama mal gar keine Zeit hatte, gab es auch mal ausnahmsweise Instant Ramen*…
Eigentlich ja nicht zu befürworten, aber man waren die lecker!

Kenne ich! Hoch lebe Nisshin*…

Mama hat auch oft Sushi gemacht. Irgendwann haben wir auch mal einen Riesentuna von Deinem Vater bekommen, daran erinnere ich mich auch noch ganz gut. Welch ein Fest!
Und klar auch Obentos* für die Schule. Köstlich mit Omelette und schön geschnittenem Gemüse.

Und war das für Dich ein Problem? So vor den anderen Schulkameraden? Ich habe mich leider immer dafür geschämt und wollte viel lieber ein normales Butterbrot. 

Ich fand es total schön und lecker. Es waren auch immer Freunde da, die das auch probieren wollten und ich wurde auch nicht geärgert oder so, weil ich kein Butterbrot dabei hatte. Ich hatte großes Glück und bin in der Schule auch nie auf rassistische Verhaltensweisen getroffen. 

Wie schön! So sollte es immer sein….kochst Du viel japanisch?

Derzeit leider wenig. Zu Studienzeiten habe ich öfters Freunde eingeladen und Sushi gemacht. Oder einen großen Ofentopf Udonnudeln *und Gemüse.
Insgesamt bleibt leider gerade nicht viel Zeit zu kochen. 
Aber Mama hat uns da schon viel mit auf den Weg gegeben und wir können Japanisch kochen.

Hast du denn, abgesehen von den heißbeliebten Instantnudeln, ein Lieblingsgericht?

Hahaha…nein die esse ich jetzt gar nicht mehr und kann die nicht ausstehen…
Unagi* esse ich sehr gerne oder Gemüse, ganz simpel und japanisch zubereitet. Die japanische Küche ist einfach so sehr auf den Punkt. So pur im Geschmack, da sind selbst die ganz einfachen Gerichte köstlich. Sushi natürlich auch, wenn es denn gut gemacht ist.

Und hier in Berlin? Sushi?

Um ehrlich zu sein, kann ich hier in Berlin nicht richtig gut Sushi essen.
Also es schmeckt okay, aber wenn ich so richtig kritisch bin, finde ich immer etwas.
Egal ob der Reis nicht richtig temperiert ist, zu dicht, zu süß oder salzig. So richtig gutes Sushi in Deutschland gibt es leider nur in wenigen japanischen Restaurants oder natürlich in Japan. 

Und der deutsche Papa? Isst der gerne japanisch?

Papa mag das auch sehr gerne. Er liebt jedoch auch die deutsche Küche. Deftige Hausmannskost wie Eintopf mit Mettendchen oder Bratkartoffeln.

"Der Meister hat immer zu mir gesagt, dass ich „ japanische Beine“ hätte."

Oh, das ist ja auch alles köstlich. Mein Vater kocht sehr gerne deutsche Hausmannskost. Nichts geht über Papas Sauerbraten.
Fühlst Du Dich mehr Japanisch oder Deutsch?

Ich glaube mehr Deutsch. Ich gestehe mir das ungern ein, weil mir meine japanische Seite so wichtig ist. Gerade im japanischen Kontext und mit japanischen Kollegen merke ich auch, wie groß dieser Teil in mir ist.
Vor zwei Jahren habe ich zum Beispiel einen Butoh Workshop mitgemacht. Das ist ein japanischer, experimenteller Ausdruckstanz aus den 60er Jahren. Damals bin ich in die Normandie zu einem Butoh Meister gereist. Dort wurde mir nochmals bewusst, wie bedeutsam das für mich ist. Es ging dabei um eine gewisse Körperlichkeit und Empfinden. Der Meister hat immer zu mir gesagt, dass ich „ japanische Beine“ hätte. Er hatte auch viele Europäer im Kurs, denen es viel schwerer fiel diese Schrittfolgen zu erlernen. Das war bei mir intuitiv, ohne Vorkenntnisse und bei mir lief das irgendwie leichter. Das sind dann wohl die Gene.


©Roger Richter


Gab es bei Dir viele Momente, wo du das Gefühl hattest, nicht Deutsch zu sein? 

Nicht im negativen Sinne. Ich wurde immer gut akzeptiert und es war eher etwas Besonderes an der Schule zur Hälfte Japanisch und Deutsch zu sein.
Wenn ich mit Japanern arbeite, merke ich auch immer wieder, wie leicht mir das fällt. Obwohl wir Englisch oder Deutsch miteinander sprechen, verstehe ich deren Mimik und Gestik. Der Ausdruck und die Sprache, diese indirekte Kommunikation, die Mentalität. Davon weiß ich, wie das funktioniert und merke dann, das ich damit aufgewachsen bin und fühle mich dann nicht Deutsch.

Hast Du auch Charakterzüge, von denen Du sagen würdest, dass sie eher japanisch sind bzw. die stark von Seiten Deiner Mama kommen?

Hmmm…vielleicht Geduld. Natürlich habe ich die nicht immer, aber im Vergleich bin ich ein sehr geduldiger Mensch.
In gewisser Weise auch ein japanisch geprägtes, ästhetisches Empfinden. Zum Beispiel die Wabi-Sabi Kultur*, die ja sehr eng mit dem Zen-Buddhismus verknüpft ist. 

In den Wäldern drüben,
tief unter der Last des Schnees,
ist letzte Nacht
ein Pflaumenzweig erblüht.

Das Empfinden und Schätzen von natürlichen und schlichten Dingen.
Oder auch wie ein Essen angerichtet wird, was ja sehr spezifisch ist. Es scheint einfach, ist aber so ausgeklügelt. Und das spiegelt sich in so vielem wider. Ob es Kleidung ist, oder die Zen-Gärten. 
Für mich bedeutet das eine wahre ästhetische Wonne.



Bekommt Ihr denn regelmäßig „Carepakete“ aus Japan?

Oh ja Tee. Und Strumpfhosen. Klingt komisch, aber es ist wirklich auffällig, wie viele tolle und schöne Strumpfhosen es dort gibt. Schöne Muster, gute Qualität und sehr ausgefallen.
Ich trage generell auch ganz gerne japanische oder asiatische Kleidung.
Ich mag den Stil, die klaren Schnitte, dieses teilweise asymmetrische. Das gefällt mir. 



"Wenn man als Musiker zum Beispiel in ein Spa geht und dort läuft Entspannungsmusik, ich glaube da könnten die meisten von uns durchdrehen."

Dann machen wir mal einen großen Schwenk zur Musik.
Da gab es in Deiner Familie vermutlich kein Entkommen, oder? 

Ich habe mit vier Jahren angefangen Geige zu spielen. Meine Mama hat Zuhause natürlich viel Klavier gespielt und ich wollte schon immer gerne musizieren
So habe ich dann bald Unterricht bekommen.

Okay, ich muss das fragen, weil viele bestimmt die über ehrgeizige asiatische Eislauf-Mutter vor Augen haben…wie war das bei Euch?

Das kann ich mir vorstellen. Nein, bei uns war das wirklich völlig druck frei und mit viel Freude. Wenn man immer von Musik umgeben ist, kommt das glaube ich automatisch. 

Warum Geige und nicht Klavier wie Mama?

Das wiederum hatte mehr oder weniger meine Mutter für mich ausgesucht. Ganz intuitiv nach Charakter. Ich war ein ganz ruhiges und eher sensibles Kind. Mama konnte sich das Klavier für mich von der reinen Körperlichkeit her nicht richtig vorstellen. Für mich also die Geige.
Meine Schwester hat mit fünf Jahren angefangen Klavier zu spielen und sie ist auch eher der extrovertierte Typ. Das passte so ganz gut.




Wann war für Dich der Moment, dass Du das auch beruflich machen wolltest?

Hmmm…ich würde sagen so mit siebzehn, achtzehn Jahren vielleicht. Ich hatte es auch lange Zeit für mich ausgeschlossen und konnte mir eher vorstellen Design oder Grafikdesign zu studieren.
Kurz vorm Abitur wurde der Wunsch größer, das zu meinem Beruf zu machen und nicht nur als Hobby.
Ich habe mit vierzehn Jahren angefangen Wettbewerbe zu spielen und war in einigen Jugendorchestern. (Anmerkung: Miako ist japanisch bescheiden, sie hat natürlich mit vierzehn Jahren angefangen Wettbewerbe zu gewinnen…zum Beispiel hat sie - wie oben bereits angemerkt - mehrfach gewonnen und erhielt z.B. Auszeichnungen für den Bundeswettbewerb „Jugend musiziert“ und u.a eine Auszeichnung der Irino-Stiftung in Tokyo für zeitgenössische Musik).
Da hat aber auch viel anderes mit reingespielt.
Man weiß erst in dem Alter um die Vor,- und Nachteile der Branche. Wenn man gewisse Sicherheiten braucht, vor allen Dingen finanzieller Natur, ist das als Berufsmusiker sehr schwer und ein doch unsicherer Job.

Haben alle aus Deiner Familie ein Instrument gespielt? Habt Ihr oft zusammen musiziert?
Bei uns wurde auf jeden Fall jeden Tag musiziert, aber mehr jeder für sich. Ab und an auch zusammen, jedoch nicht so extrem, wie ich das von anderen Familien kenne, die auch viel miteinander musiziert haben. Mein Vater hat hobbymäßig E-Gitarre gespielt. 

Spielt Deine Mutter noch und spielt Ihr manchmal zusammen?

Nein, momentan näht meine Mutter sehr viel, da es eine hohe Nachfrage nach ihren Sachen gibt. Aktiv spielt sie nicht mehr, aber sie unterrichtet noch Klavier.
Manchmal macht mich das auch traurig, wenn ich nach Hause komme und den Flügel dort so abgedeckt und voller Nähkisten stehen sehe. Auf der anderen Seite hat meine Mutter sich gerade bewusst so entschieden und ist damit sehr zufrieden, sieht das auch als Erleichterung. Man muss, um an einem Instrument wirklich fit zu bleiben,  ja doch täglich sehr viel Zeit investieren und sehr diszipliniert sein. 

Das glaube ich. Und Du spielst ja sogar zwei Instrumente, richtig? 

Ich spiele Geige und Flöte. Mit sechs Jahren habe ich begonnen zusätzlich Flöte zu spielen und habe mich auch später im Studium dafür entschieden, zwei Hauptfächer zu belegen. In Amsterdam, wo ich studierte, habe ich sowohl Flöte als auch Geige gewählt. Was gar nicht so einfach durchzusetzen war. Ich wollte mich aber nicht für eines der Instrumente entscheiden müssen.
Das musste ich mir allerdings sehr erkämpfen und ich muss dazu sagen, dass dies nicht der übliche Gang ist und ich da die Ausnahme war. Im Normalfall belegt man nämlich nur ein Hauptfach. Das hat auch seine Gründe. Man erhält ja wöchentlich individuellen Unterricht bei seinem Professor. Bei zwei Hauptfächern ist das für die Uni auch ein Kostenfaktor. Und zusätzlich muss man genug Zeit haben, um zu üben. Daher ist es relativ selten, dass ein Student zwei Instrumente studiert und dann auch gleich gut beherrscht. 


©Stephane Lelarge

Du hast’s halt drauf, Miako! Cool…
Aber muss man nicht auch noch ein Instrument als Nebenfach belegen? Puhhh…

Ja, Klavier muss man lernen.
Das habe ich Zuhause nebenher genügend lernen können. Richtig sicher fühle ich mich dabei aber nicht. 
Ich unterrichte derzeit mehrere Kinder und wir hatten letztens ein Vorspiel. Ich sollte die Kinder auf dem Klavier begleiten und ich war auf jeden Fall nervöser als alle Anwesenden zusammen. Kurz zuvor hatte ich mein erstes Examenskonzert, was ja nicht ganz unwichtig war. Trotzdem war ich beim Kindervorspiel, wo ich lediglich drei Akkorde auf dem Klavier spielen sollte, nervöser als vor den ganzen Professoren. 

Was macht für Dich die Faszination Deiner beiden Instrumente aus?

Es sind einfach zwei ganz gegensätzliche Instrumente.
Auch körperlich gesehen. Die Flöte als Blasinstrument arbeitet ja mit Deinem Atem. Wie bei Singen oder Sprechen kommt es aus Dir heraus. Es ist auch ein introvertiertes Instrument, mit limitierten Möglichkeiten. Ich denke irgendwo, dass es ein sehr ehrliches Instrument ist. Eben ein einfaches Rollrohr mit ein paar Löchern drin. Gerade durch die klangliche Begrenztheit, kann man nichts verstecken. Es ist für mich sehr pur und ich kann sehr viel Ausdruck hereinlegen.


"Ja, also jeder Musiker hat ja so sein Vokabular, ein Set an Klängen an denen ich mich bedienen kann."

Die Geige hat viel mehr dynamischen Spielraum und ist ein sehr extrovertiertes Instrument.
Wenn man sich die Literatur anschaut, die ich während meines Studiums gespielt habe, sind ja diese ganzen romantischen Schinken sehr großes, lautes und virtuoses Zeug. Wie bei allen Streichinstrumenten, ist es auch der Resonanzkörper, den man beim Spielen spürt. Das geht so richtig in die Knochen und den Körper rein. Ich merke, wenn ich das eine zeit lang nicht habe, dass ich dann nervös werde und das körperlich richtig brauche.

Haben Dich auch mal japanische Instrumente interessiert?

Ja. Das Koto und das Shakuhachi finde ich sehr expressiv. Auch den traditionellen Gesang finde ich sehr interessant. 
Shakuhachi würde ich lernen, wenn es nicht so schwer und damit sehr zeitintensiv wäre. 
Da merke ich aber wieder mal eine japanische Verbindung. Es gibt da einfach eine bestimmte Ästhetik in der Musik und anderen Kunstformen. 
Den Focus auf den Moment zu legen. 
Stille, beziehungsweise die Abwechslung zwischen Stille und Aktion spielt dabei eine wichtige Rolle, es ist sehr minimalistisch und energetisch. Auch hier hat das viel mit dem Buddhismus und der Zen-Kultur zu tun. 

Hat es Dich in Deinem Spiel beeinflusst?

Teilweise schon. Es spiegelt sich insofern in meiner Musik wider, als das ich viel improvisiere und an eigenen Kompositionen arbeite. Da gibt es Anknüpfungspunkte, die in der japanischen, asiatischen Musik wurzelt. 
Derzeit spiele ich viel zeitgenössische Kompositionen. 


Wie läuft das so ab, wenn Du improvisierst?

Ich spiele selten allein, sondern meist als Duo und oftmals mit Partnern, mit denen ich schon länger arbeite.
Im Prinzip spielt man das, wonach einem gerade ist und was man spürt und geht wiederum auf das ein, was zurückkommt. Gerade letzte Woche hatte ich noch ein solches Konzert, wo ich mit jemanden gespielt habe, den ich kaum kannte und das ist auch immer sehr spannend. Im Moment spiele ich jedoch wenig völlig freie Improvisation, sondern arbeite lieber mit den Partnern die Stücke aus. Erforschen die Klänge und geben diesen Strukturen. Die Herausforderung in einer solchen Improvisation ist, etwas in diesem Moment zu schaffen, Spannungsbögen aufzubauen, aber eben auch das Gefühl für die längere Form und den Verlauf des Gesamten zu entwickeln.
Es ist ja wie bei einer Geschichte, die nicht langweilig werden soll. 

"Das war noch während meiner Studienzeit und ich hab dann gar nicht mehr daran gedacht, weil Circus auch irgendwie nicht so mein Ding war."

Ich als Laie kann mir das gar nicht vorstellen. Ist das so selbstverständlich wie Sprechen? Wie kann ich mir das vorstellen? Wie intuitiv ist das ganze für Dich? 

Ja, also jeder Musiker hat ja so sein Vokabular, ein Set an Klängen an denen ich mich bedienen kann. Ich kenne mein Instrument, weiß wie ich es bedienen und bestimmte Atmosphären hereinlegen kann. Ich sitze ja jeden Tag an meinem Instrument und über die Jahre hat sich ein Wissen angesammelt. Das ist im Grunde genommen wie eine Sprache. So wie wir beiden uns jetzt unterhalten, kann ich mich mit meinen Instrumenten mit einem anderen Musiker unterhalten.

Ohhh, voll toll!
Musizieren macht ja auch irre Spaß und es entwickeln sich dabei ja bestimmt schöne Dynamiken.


Ja, das geht mir auch immer sehr nahe. Man spürt das energetisch, ob es harmoniert  oder nicht und tauscht sich aus. Das spiegelt sich in der Musik genau wie in einer Beziehung wider, dieses Gespür für das Zwischenmenschliche. Und das kann sehr intensiv und faszinierend sein. 

Okay…also macht das nicht irgendwo süchtig?

Deswegen hab ich es wohl auch zu meinem Beruf gemacht. Klar, ist das nicht immer so wie eben beschrieben. Manchmal kommt man auch gar nicht rein und man ist mit dem Kopf woanders. Wie in jedem anderen Beruf auch.
Im Grunde ist es für mich immer wieder faszinierend, anderen Musikern zu begegnen, mit ihnen zu arbeiten und auf so enge Art und Weise etwas auszutauschen.


©Roger Richter

Hast Du denn mal mit anderen Japanern gespielt oder improvisiert?

Mit Japanern habe ich bisher nicht improvisiert. 
Neulich habe ich ein dreistündiges Konzert der Marginal Consort in der Elisabethkirche gesehen. Das ist ein Kollektiv improvisierender Japaner.
Das ist mir so nah gegangen. Ein tolles Konzert, sehr experimentell, aber auch viele traditionelle Elemente, sowie schamanistischen Gesängen. Sehr japanisch und extrem faszinierend. Das fühlte sich an wie ein riesiges Ritual.

Was sind denn so Deine aktuellen Projekte?

Im August in Sri Lanka, Colombo, da bin ich dann schon zum dritten Mal. 
Im Herbst steht einiges in Berlin an, als Duo mit einer Trompeter.
In September bin ich dann wieder in Nagoya und spiele auf der Aichi Triennale.
Ich habe während meines Studiums eine japanische Komponistin kennengelernt und mich sehr gut mit ihr verstanden.
Sie organisiert vor Ort Konzerte und hat mich dieses Jahr wieder dazu eingeladen. 

Worauf freust Du Dich am meisten in Japan? 

Auf jeden Fall auf das Essen.
In Tokyo möchte ich gern die Improvisations-Szene kennenzulernen. Hach, einfach dort zu sein und mal wieder das Lebensgefühl aufzunehmen.
Ich würde auch gerne in die Onsen Berge (Anmerkung: Onsen sind heiße Quellen) 

Wohin hat dich Deine Musik noch so hingeführt?

Insgesamt bin ich dadurch schon sehr viel rumgekommen. Europa natürlich und in den USA.
Ich habe auch mal 15 Monate in Macau gelebt und dort beim Cirque du Soleil gespielt.
Dort war ich Teil der Band. Das war dann speziell dafür komponierte Showmusik. Das war toll.




Wie kam es dazu?

Das ist ein Riesenunternehmen mit weltweit so zwanzig Shows oder so und die haben ihre Talent-Scouts rund um den Globus. Einer davon hatte mich auf einem Konzert in Amsterdam gehört und mir daraufhin seine Visitenkarte in die Hand gedrückt. Das war noch während meiner Studienzeit und ich hab dann nicht mehr daran gedacht, weil Circus auch irgendwie nicht so mein Ding war. 
Nach dem Studium war ich dann auf Jobsuche, da hab ich dem Typen einfach mal eine Email geschrieben. Der sich auch gerade bei mir melden wollte, da sie wieder jemanden suchten. Ehrlich gesagt, musste ich dann erstmal auf der Karte nachschauen, wo genau Macau überhaupt liegt. 
Naja, ich hatte zu der Zeit keinerlei Verpflichtungen und Bindungen hier in Deutschland und so bin ich dann rüber. Das war nach dem doch sehr strengen und klassischen Studium genau die richtige Entscheidung. Ich hatte erst für fünf Monate unterschrieben, habe dann sogar verlängert. Wenn wir Urlaub hatten, bin in der Zeit viel mit dem Rucksack durch Südostasien gereist. Eine ganz tolle Lebenserfahrung kann ich dazu nur sagen. Und köstliches Essen.

Sag mal, hörst Du als Musikerin eigentlich Musik anders?

Also ich kann zum Beispiel schlecht Musik einfach im Hintergrund laufen lassen, weil es dann doch sehr viel Aufmerksamkeit zieht. Ebenso wenig kann ich zeitgleich ein Buch lesen und dabei Musik hören. Statt dessen höre ich dann doch recht bewusst und intensiv hin was da gerade passiert und achte auf Klänge und beleuchte es. Ich glaube, dass Musiker da auch schlechter abschalten können als andere. Wenn man als Musiker zum Beispiel in ein Spa geht und dort läuft Entspannungsmusik, ich glaube da könnten die meisten von uns durchdrehen. 
Das ist zum Teil bei Freunden von mir ganz extrem. Mit manchen kann man kaum eine Unterhaltung führen, wenn im Hintergrund auch nur leise Musik läuft. Deswegen empfinde ich das hier auch gerade als sehr angenehm.

Apropos Freunde, ich hoffe das ist nicht zu privat. Ihr seid doch beide glaube ich auch mit Musikern zusammen, oder? Zufall?

Einmal ist es so, dass mein engster Freundeskreis wohl einfach auch berufsbedingt, aus vielen Musikern besteht. Darum lerne ich auch nicht so schnell Leute aus anderen Berufsbereichen näher kennen. 
Es ist schon so, dass man viel miteinander teilt. Man führt ja doch ein spezielles Leben als Musiker, wofür man als Nicht-Musiker wohl sehr viel Verständnis mitbringen müsste. Ob es das ständige Reisen ist, die sehr ungeregelten Arbeitszeiten, morgens Probe-Zuhause üben-abends dann das Konzert. Das viele Üben, teilweise bis spät in die Nacht. Man investiert halt einen großen Teil seiner Zeit in sein Instrument. Wochenende kenne ich in der Form, wie andere es haben, auch nicht. 
Zudem finde ich den Austausch sehr inspirierend, ich finde es toll, dass ich das alles mit meinem Partner teilen kann.


Was sind Deine Ziele für die nächsten Jahre?

Gerade arbeite ich an einer CD-Aufnahme und schaue mich nach einem passendem Label um, wo man das unterkriegen kann. Ansonsten bin ich froh, wenn es genau so weitergeht und habe keine konkreten Ziele. Wenn sich die Projekte die ich gerade so mache sich so weiterentwickeln, ist alles gut. 

Also dabei wünsche ich Dir viel Erfolg und danke, dass Du Dir soviel Zeit genommen hast und mir dieses schöne Café gezeigt hast und mir soviel schönes aus Deinem Leben erzählt hast.
Ich hoffe, dass wir sehen uns bald wieder!

Ja, melde Dich wenn Du in Berlin bist und lass uns gerne treffen! 


Auf www.miako-klein.com findest Du ihre Konzerttermine und Neuigkeiten. 
Mittlerweile ist ihr Album erschienen. Reinhören und kaufen könnt Ihr es unter 





*Okayu, ein japanischer Reisbrei 
*Misoshiru, eine japanische Suppe aus fermentierter Sojabohnenpaste
*Umeboshi, in Salz und roten Shisoblättern eingelegte Salzaprikosen
*Chirashi Sushi, serviert in einer Schüssel, kombiniert man verschiedene Toppings von Fisch bis Gemüse auf Sushireis
*Karereis, japanisches Curry auf Reis 
*Nisshin, japanische Instant-Nudel Firma
*Oden, ein japanisches Gericht, das aus mehreren Zutaten wie gekochtem Ei, Daikon, Konnyaku und Chikuwa besteht und in Dashi-Brühe mit Konbu oder Katsuobushi gekocht wird.
*Udonnudeln, dicke japanische Weizennudeln
*Bentobox, eine populäre Darreichungsform von Speisen, bei der in einem speziellen Kästchen, welches man auch gerne zur Schule/Arbeit mitnimmt, mehrere Speisen durch Trennwände voneinander getrennt sind. 
*Unagi, japanische Aalspezialität
*Wabi-Sabi,  Wabi Sabi, ein sehr eng mit Japan und dem Zen Buddhismus verbundenes Konzept der Ästhetik, ist eine eine Art und Weise, Dinge wahrzunehmen.






































































Sonntag, 12. Juni 2016

Berlin-Bangkok-Paris-Münster! Hello Angie



Mama-Thailand, Papa-Syrien. Beide Gastronomen. Heraus kam ein bildhübsches Mädel, dem das Kochen bereits in die Wiege gelegt wurde. Multikulturell in den Berliner Straßen aufgewachsen,  in den wilden Teenie Jahren geht‘s  "back to the roots" nach Thailand.
Auf den Streetfood Märkten Bangkoks lernt Angie das Geheimnis des Curry-Kochens  und geht artig ins Kloster, um den Mönchen zu lauschen.
Jahre später Paris. Die Stadt der Liebe und der Genießer. Hier wird sie im 5 Arrondisment gestählt und bekommt ihr Finish. Bewirtet Stars und Sternchen, Politik und alten Pariser Adel.
Das hart verdiente Geld, steckt sie am liebsten in die besternten Küchen dieser Welt.
Das ist Angie, wie sie leibt und lebt. Nebenbei kocht sie für ihre Freunde das beste Thaicurry der Stadt.

Fragen?

Ja!





Hej Angie, 
schön, dass Du da bist! Ich habe richtig viele Fragen an Dich, schießen wir also gleich los!

Klaro, gerne!

Wie war es für Dich als Kind mit zwei Kulturen aufzuwachsen?

Also als wir ganz klein waren, haben wir das gar nicht so wahrgenommen. Erst später, als wir zu meiner Oma gezogen sind. Mama hat oft Thai gekocht, aber darüber denkt man ja gar nicht nach, ob es Thai arabisch oder deutsch war.
Ich kann mich gut daran erinnern, dass meine Mutter immer etwas anders war als mein Vater. Meine Mutter war strenger und wir mussten uns besser benehmen. Es war ihr sehr wichtig, dass wir höflich sind und jedem Guten Tag sagen und die „Wai“ Geste machen. Das ist eine typische thailändische Geste, bei der man die Hände faltet und grüßt.

Auf der arabischen Seite hat man uns sehr verwöhnt und es wurde viel gekuschelt. Oft saßen wir stundenlang auf dem Schoss meiner Oma, die kaum von uns gelassen hat und ständig wurde man abgeknutscht. In Thailand waren unsere Großeltern viel weniger herzlich und es gab kaum Körperkontakt. 

Wie war das mit dem Essen? Gab es da Kulturelle Unterschiede?

Bei Oma mussten wir alles probieren und Oma hat auch nie gesagt, was wir da gerade gegessen haben. Ich liebe beide Küchen. Thai koche ich besser als arabisch, deswegen koche ich das einfach lieber. 





Was waren schwierige Momente, wo so ein Aufeinanderprallen der Kulturen mal nicht funktioniert hat?

Ich bin z.B. mal als Kind über meinen sitzenden Opa gesprungen, einfach weil er eine kleine Hürde in meiner Bahn war. Da ist meine Mutter ausgeflippt. Der Respekt älteren Menschen gegenüber ist sehr wichtig. Sowas macht man einfach nicht. Genau wie die Kopfgeste. In Thailand fasst man niemandem an den Kopf. Auf der arabischen Seite, bei meiner Oma, durfte ich aber immer in ihren Haaren spielen. In Thailand war das dann ein riesen Drama. Als Kind versteht man das ja einfach noch nicht.

Kissenschlacht mit thailändischen Großeltern geht auch einfach mal gar nicht. Auch wenn mein Opa auf dem Boden saß, durfte man nicht so an ihm vorbeilaufen, sondern musste sich ducken und darauf achten Demut zu zeigen. In der Schulzeit mussten wir, wenn der Lehrer saß, dann knien. In Asien sitzt man ja eh viel auf dem Boden. Aber hier war das Verhältnis ganz klar, dass man in der Hierarchie unter jemandem steht und zu ihm herauf schaut.





Das war manchmal übertrieben, aber trotzdem habe ich die Strenge hier dann vermisst und auch den Respekt, den man älteren Menschen gegenüber zollt, finde ich sehr gut. Ich bin froh, dass man uns das mit auf den Weg gegeben hat.

Was sind das noch für Faux-pas? Was hat das mit dieser Kopfsache auf sich? 

Der Kopf ist einfach das Höchste an dir, die Füße das Niedrigste. Das geht soweit, dass man Socken und Unterwäsche nicht mit der restlichen Kleidung zusammen wäscht. Wir sind damals auf der Schule heimlich nachts aufgestanden, um unsere Socken und Unterwäsche in der Waschmaschine zu waschen. Das sollten wir sonst per Hand erledigen. 

Auch das Thema Jungs war schwierig. In Deutschland ist es ja ganz normal für mich gewesen, sich mit Jungs zu unterhalten. Ich hatte auch viele Jungs in meinem Freundeskreis. In Thailand ging das gar nicht, bzw. haben die Leute hinterher getuschelt. Meine Mutter hat mich dann mal zur Seite genommen und mir erklärt, dass man nicht einfach so eng nebeneinander sitzen kann und sich schubsen oder im Gespräch anfassen darf. Das war strange. 


" Im Hintergrund hört man Gebete, die Mönche bauen Gemüse an,  es gibt viele Tiere und man ist ganz nah bei der Natur."


Fühlst Du Dich zu einer der Kulturen mehr hingezogen? Was gefällt Dir an den jeweiligen Kulturen?

Ich kann nicht sagen, dass ich mich zu einer Kultur mehr hingezogen fühle. Beides hat seine Vor ,- und Nachteile. Die arabische Kultur ist halt viel herzlicher. Ich war früher sehr oft bei meinen Verwandten. Der Empfang ist viel offener. Sowohl Frauen als auch Männer haben viel mit uns unternommen. Der Umgang mit Kindern ist ein anderer. Wir wurden überall mit hingeschleppt und waren ganz anders in den Alltag integriert. 

Spätestens als es um die jeweiligen Religionen ging, habe ich einen großen Unterschied bemerkt. Mir war schon sehr früh bewusst, dass ich lieber in den Tempel gehe. Während man in der Kirche stundenlang still sitzen musste, hatten wir in Thailand die Wahl und konnten entweder zuhören oder durften auf dem Tempelgelände herumstromern. Die ganze Umgebung ist wunderschön, die Atmosphäre so entspannt und angenehm. Im Hintergrund hört man Gebete, die Mönche bauen Gemüse an, es gibt viele Tiere und man ist ganz nah bei der Natur. Richtig chillig. Die Buddhisten sind da definitiv entspannter. Ich mag auch den Gedanken der Wiedergeburt. Mit den gleichen  Menschen wieder zur Welt zu kommen, das fänd ich schön.

Was hat Dich in Deiner Kindheit besonders geprägt?

Die Zeit in Bangkok hat mir zum Beispiel klar gemacht, was für ein Luxus-Leben ich vorher hier in Deutschland geführt habe. Wie viele Menschen dort in bitterster Armut leben und nichts von den Dingen wissen, die für mich so selbstverständlich waren. Und trotzdem so zufrieden mit ihrem Leben sind. 

Meine Oma hat auch eine große Rolle gespielt. Die Familie ist ja arabischer Herkunft, meine Oma Aramäerin und sie waren auch die ersten Ausländer im Ort. Statt zuhause zu bleiben, hat meine Oma einen Deutschkurs besucht, einen Führerschein gemacht und hier beim Roten Kreuz gearbeitet, weil sie anderen Menschen helfen wollte. 

Später, als die Ehe meiner Großeltern dann nicht mehr so gut lief, bzw. mein Opa ja ein ziemlicher Patriarch war, der die Familie sehr dominiert hat, hatte sie sogar den Mut ihn zu verlassen. In dieser Kultur eigentlich undenkbar. Sie hat sich so für ihre Rechte und die ihrer Kinder stark gemacht. Ich kann mich sehr gut daran erinnern, wie Oma ihn damals raus geworfen hat. Ich hatte ein bisschen Angst um Oma, was aber im Nachhinein völlig unbegründet war, denn sie war so eine starke Frau und ist mit Allem klargekommen. 

Ihr war wichtig uns zu zeigen, dass man für das, was man will, auch kämpfen muss. Sich nicht unterbuttern lassen darf. Eine richtige Revoluzzerin. 
Unsere Oma hat uns ja quasi groß gezogen. Zwischendurch waren wir zwar auch länger in Berlin, aber die meiste und prägendste Zeit waren wir bei meiner Oma.


"Meiner Oma war es aber wichtig, dass wir hier Deutsch sprechen und uns anpassen."


Deine Oma scheint eine sehr ungewöhnliche Frau gewesen zu sein. Wird dir das so im Nachhinein klar oder wusstest Du schon immer, dass deine Oma da sehr besonders ist? 

Ich habe das schon sehr früh bemerkt. Wie sie die Trennung durchgezogen, und was sie alles allein aufgebaut hat. Oma hat mit 15 ihr erstes Kind bekommen und das letzte dann mit 21 Jahren. 5 Kinder, plötzlich Brustkrebs und während der Chemo hat sie so hart und viel weiter gearbeitet, um uns alle durchzufüttern, weil mein Opa nach einem Unfall arbeitsunfähig war. 


Was für eine starke Frau! Wie habt Ihr eigentlich miteinander gesprochen? Ich stelle mir das ziemlich schwierig vor, gerade wenn Ihr immer so viel zwischen den Ländern gependelt seid…

Das war total kompliziert und echt‘ ne Katastrophe. Als Opa noch da war, haben wir zuhause viel Aramäisch und Deutsch gesprochen. Als Opa weg war dann nur noch Arabisch und Deutsch, Mama immer Thai. Wir haben so ziemlich alles durcheinander gebracht. 

Als dann klar war, dass wir nicht mehr halbjährlich nach Thailand pendeln, haben wir nur noch Deutsch gesprochen. Arabisch habe ich schon immer gut verstanden. Meiner Oma war es aber wichtig, dass wir hier Deutsch sprechen und uns anpassen. Oma hat sich für unsere Zukunft schon immer etwas anderes vorgestellt und uns sehr unterstützt, hier Fuß zu fassen.

Hast Du denn oft Fernweh nach Thailand oder Syrien?

Mehr nach Thailand. In Syrien haben wir öfters unsere Ferien verbracht und ich erinnere mich gerne an Damaskus und Aleppo. Dort war es so schön. Ich bin echt froh, dass ich das alles so kennenlernen durfte. Schlimm, wie dort jetzt die politische Lage ist und es vieles davon vermutlich einfach nicht mehr gibt. Es war damals aber so, wie banal sich das auch anhört, dass man als Kind natürlich lieber an den Strand gefahren ist. Also Thailand. 





Was vermisst Du an Thailand bzw. Bangkok?

Ich vermisse die Anonymität. Bangkok ist eine Riesenstadt und es interessiert kein Schwein, was du machst, trägst oder wie du gerade aussiehst. Ich glaube, deswegen hat es mich auch nach Paris gezogen. Das vermisse ich. 

Was siehst Du dann als Deine Heimat?

Deutschland ist für mich Heimat. Ich fühle mich auch Deutsch. Auf jeden Fall fühle ich mich mehr Deutsch, als Thai oder Arabisch. Ich bin froh, dass ich mich so ziemlich überall gut anpassen kann. Hier in Deutschland hatten wir einfach die meiste Freiheit und konnten uns entfalten.

Wie haben Dich die Küchen der Länder geprägt? Ist das dann eine Mischung aus beiden Küchen?

Ich koche viel mehr Thai. Arabisch leider kaum. Ich habe da damals gar nicht so drüber nachgedacht. Meine Oma war immer so eine starke Frau, von der ich dachte, dass sie bestimmt noch auf meiner Hochzeit tanzt. Das wir noch viel Zeit miteinander haben und sie mir beibringen kann, Arabisch zu kochen. Das ist sehr schade. Ich habe schon immer gern bei ihr in der Küche gestanden, geguckt und geholfen. Daher kann ich das auch ein bisschen.



"Der Reiskocher lief bei uns immer..."


Was ist denn Dein Lieblingsgericht?

Sate-Spieße und Suppen. Ich liebe Nudelsuppen so sehr!

Was sind Deine ersten Kindheitserinnerungen an Essen?

Ich war immer völlig verrückt nach Wassermelonen. Schon als 1 jährige bin ich völlig durchgedreht, wenn so ein Wagen mit Melonen an uns vorbeigefahren ist. Ich habe solange gekreischt, bis jemand mir Wassermelone gekauft hat.



Ich erinnere mich auch daran, wie meine Mutter immer in der Küche verschwunden ist, kurze Zeit später wieder rauskam und ein wahres Buffet mit vielen Gerichten gezaubert hatte. Einfach so. Der Reiskocher lief bei uns immer. In Thailand haben wir viel und gerne Sate-Spieße und Klebreis gegessen. Hier bei Oma gab es dann gefüllte Paprika&Weinblätter, Hummus und Fladenbrot. Lahmacun haben wir auch oft gemacht und geholfen.


 "Das war mein erster Stern, den ich in Frankreich gegessen habe." 


Wie bist Du denn dann zur Gastronomie gekommen? War das schon immer ganz klar?

Papa hat ja schon in Berlin in der Gastronomie gearbeitet. Hier in Münster dann auch. Wir Mädels haben ebenfalls, sobald wir konnten, in der Gastro gejobbt. Uns wurde ja von Haus aus nichts in den Hintern geschoben und so haben wir schon sehr früh gelernt, für Klamotten o.ä. die wir gerade unbedingt haben wollten, arbeiten zu gehen. 

Soviel Geld und das so schnell zu verdienen, das war verrückt und wir hatten eine echt gute Zeit. So bin ich dann irgendwie da reingerutscht. Ich weiß noch, dass Papa' ne richtige Krawatte drauf hatte. Der wollte natürlich, dass wir etwas „Vernünftiges“ lernen. Nicht so eine Arbeit, an der man immer Abends und am Wochenende arbeiten muss. Für mich kam hinzu, dass mein High-School Abschluss aus Bangkok nicht richtig anerkannt wurde. 
Da hab ich mich entschlossen, erst einmal eine Restaurantfachausbildung zu machen. Und habe ziemlich schnell bemerkt, dass man damit auch an jeden Winkel der Welt kommen kann. Gerade weil ich mit meinen Sprachkenntnissen aus Thailand, wo ich auch Japanisch, Chinesisch und Englisch intensiv gelernt hatte, viele Leute erreichen konnte und während meiner Ausbildung schon das ein oder andere Angebot kam.

Irgendwie war es dann wohl Schicksal, wie es weiter gelaufen ist. Mein Vater hat mich für sein neu eröffnetes Restaurant den Sommer über gebraucht, obwohl ich ein Angebot vom "east" Hamburg auf dem Tisch liegen hatte. So bin ich dann in Münster geblieben und habe im Aasee-Restaurant angefangen. Dort hatten wir auch eine gute Zeit. Ein junges Team und interessante Küche mit französischem Einschlag. Da habe ich viel probiert und bin auf den Geschmack gekommen.




Was hat Dich dann nach Paris geführt?

Mein Chef hatte mir als Dank für mein Engagement ein Essen im Ritz in Paris geschenkt. Mein damaliger Freund hat ja in Paris gelebt. Auf jeden Fall habe ich dort zu Mittag gegessen. Das war mein erster Stern, den ich in Frankreich gegessen habe. Ich war so fasziniert von dem Service und dem ganzen Drumherum. Über Umwege und etwas Vitamin B, habe ich dann den Michel Roth, den damaligen Küchenchef im Ritz, dort auch mittags kennen lernen dürfen. Ich wusste gar nicht, welche Ehre mir da zuteil wurde, denn später habe ich erfahren, dass dieser sonst so ungefähr nie in den Saal kommt.

Als ich wieder in Deutschland war, stand für mich fest, dass ich das lernen möchte. Und das obwohl ich kein Wort französisch spreche. Manchmal fügen sich die Dinge, so habe ich mit Menschen gesprochen, die mir dahingehend Einiges ermöglicht haben. Und einer dieser Menschen hat mir quasi einen Job im Ritz klar gemacht. Leider stand dann kurze Zeit später fest, dass das Ritz renoviert werden soll. Ich hätte dort dann ein paar Monate arbeiten können, aber es war für mich zu wenig, um hier alles aufzugeben und keine Sicherheit zu haben, nach Wiedereröffnung auch übernommen zu werden. 

Bei einer Hoteleröffnung auf Norderney, dessen Restaurant mein Chef gestaltet hatte, saßen wir in einer Runde zusammen und ich habe von meinen Paris Erlebnissen geschwärmt. 
Wie es der Zufall so wollte, kannte dort jemand den Besitzer des „la tour d’argent“ und bot mir an, dass er ja mal Bescheid geben könne und ich auf jeden Fall eine Bewerbung schicken sollte. (Anmerkung: Das la tour d’argent ist ein weltberühmtes, 1582 gegründetes Restaurant, dass für seine Entengerichte und seinen Weinkeller bekannt ist. Laut Wiki waren der letzte König aus dem Hause Valois, Heinrich der III und auch der Sonnenkönig Ludwig, Stammgäste. Der Weinkarte umfasst rund 440.000 Positionen.)





Ich war natürlich völlig geflasht, weil auch hier noch eben genau dieser klassische Service stattfindet, den ich unbedingt lernen wollte. Ich habe dann meine Bewerbung abgeschickt, aber ehrlich gesagt nicht daran geglaubt, dass da überhaupt irgendwas zurückkommt. 

Ein paar Wochen später hab ich nach Feierabend auf mein Handy geschaut und eine 0033 Nummer gesehen. Irgendwie hatte ich da‘ nen Aussetzer, ich weiß noch wie ich in die Runde gerufen hab „Leute, wisst Ihr welches Land 0033 als Vorwahl hat?“ Da kamen dann Antworten von Belgien bis Spanien…wir Experten…
Meine Chefin wusste es aber und so hab ich zurück gerufen und hatte das „la tour“ am Ende der Leitung. Das war krass. Ein paar Tage später hatte ich ein Bewerbungsgespräch am Telefon, davor hab ich aus lauter Nervosität eine Schachtel Zigaretten geraucht. 

Der Direktor war dann aber so nett am Telefon und meinte, dass wir da schon ein Plätzchen finden werden und hat mir ein paar Tage später einen unbefristeten Arbeitsvertrag zugeschickt. Ich konnte das Alles gar nicht glauben. Das war wie ein Sechser im Lotto.

Wow. Wie war denn dann Dein erster Tag?

Als ich das erste Mal da rein kam, war ich ein bisschen geschockt. Dieses alte Gebäude, drei Männer um die 60, die Räume mit dicken Teppichen ausgelegt, überall Silber und in die Jahre gekommener Prunk. Der Direktor hat mich dann aber durch das Haus geführt, ich durfte mir den berühmten Weinkeller anschauen und den Dachboden mit den hauseigenen Imkerei. Dazu hat er die Geschichte des Restaurants erzählt, das hat mich echt beeindruckt und den ersten Eindruck sowas von wettgemacht.





Und auf der Arbeit? 

Die ersten Wochen waren wirklich hart. Ich hatte ja einen commis Posten unterschrieben und die haben meistens einfach mal die Arschkarte gezogen. In Frankreich ist die Hierarchie auch nochmal anders. Ich hatte wochenlang Rückenschmerzen von den Tabletts, die ohne Teller schon fast 3kg gewogen haben. Die Patisserie ist auf einer anderen Etage als der Saal, da musst Du die Treppen hochsprinten, wenn Du das Tablett voller Soufflees hast, die mal gerne innerhalb von Minuten abschmieren. Das war ein bisher ungeahnter Druck, das kannte ich so aus Deutschland nicht. 


Zum Beispiel das abgezählte Silber Besteck. Dafür trägst Du allein Verantwortung. Da kommt leider immer mal wieder etwas weg, egal wo, ob im Service, in der Spülküche oder im Gastraum. Das fällt dann auf Dich zurück. Das war Krieg und alle standen unter Strom. Dazu dann manche Alteingesessene, die gar nicht mit mir gesprochen oder mich nur verarscht haben, einfach aus dem Grund, weil ich ihre Sprache nicht sprechen konnte. Bis ich da erst einmal geblickt habe, wo der Hase lang läuft, hat das etwas gedauert und hat mich so manches Mal an meiner Entscheidung zweifeln lassen.

Viel zu verdanken habe ich dem Jean Pierre. Das war unser Canardier, ein Entenmeister, also derjenige der die Enten gemacht hat. Ein richtiger Franzose wie aus dem Bilderbuch. Auf einer Schicht hat er mich nach Feierabend zu sich gewunken und mir etwas Ente mit seiner Sauce zu kosten gegeben. Ich war völlig geflasht und hab ihn sooo für seine Sauce gefeiert. Da standen wir zwei, haben zusammen gegessen, uns allein mit Händen, Gesten und meinem gebrochenem Französisch so gut verstanden.
Das war der Beginn unserer „großen Liebe“.









„JP“ wie ich ihn nenne, hat mich auf väterliche Weise an die Hand genommen und mir erklärt wie das im „la tour“ so funktioniert. Dazu gehörte auch, mir täglich ein neues Wort beizubringen, meistens waren das allerdings Schimpfwörter….





So wurde das Arbeiten dann schlagartig besser und offenbar so gut, dass ich nach 2 Monaten meine erste Beförderung zum demi chef bekam. So war ich dann im Saal. Endlich keine Tabletts mehr schleppen. Hier kamen mir meine Sprachkenntnisse dann echt zugute, da wir viele ausländische Gäste hatten. Zwei Monate später dann die Beförderung zum chef de rang. 

Beeindruckend…da hast Du bestimmt viel erlebt und spannende Menschen kennengelernt. Hast du dort neben „JP“ noch andere Freunde gefunden?

Also meine spätere beste Freundin in Paris, Celine, hat im Weinkeller gearbeitet. Wir haben uns auf Anhieb super verstanden und den Spaß an Wein geteilt. Wir haben da vielleicht Weine probieren dürfen, das darf man eigentlich gar nicht erzählen, so geile Sachen waren dabei! In 500 Jahren “la tour“ Geschichte, war Celine dann übrigens die erste Sommeliere dort. Richtig coole Frau.

Mit der Küche habe ich mich auch irgendwann richtig gut verstanden. Ich hab halt immer am Pass gestanden und gefragt „ was ist das, wie macht man das, wie schmeckt das „ und bin auf eine Mauer des Schweigens gestoßen.

Einer der Köche wusste schon um meine Leidenschaft für Essen, denn ich hab zu der Zeit an meinen freien Tagen angefangen, Sterne essen zu gehen und fleißig Bilder gemacht. Wenn mein Freund zu Besuch war, auch gerne mal 2-3 Restaurants an einem Wochenende. Das hat dazu geführt, dass mir der Chefkoch dann manchmal wortlos oder mit einem motzig-dahingeworfenen „ probier das“ etwas zum Verkosten gegeben hat und wir auf einmal im ständigen Austausch der Pariser Sterneküche waren.








Und als Gäste? Irgendwelche Stars und Sternchen? Oder darf man das nicht verraten?

Klar…super viele Sportler…Woody Allen…Jon Travolta& Robert deNiro…Woody Allen kam öfters vorbei und hat immer im Gastraum gesessen und wurde von einigen Gästen angestarrt. Ansonsten saßen die meisten Stars in privat Salons. Wir im Service haben alle Gäste selbstverständlich gleich behandelt. Die möchten ja auch nur in Ruhe essen und nicht zugeschwallt werden. Ich wusste gar nicht, dass Jon Travolta Italiener oder Halbitaliener ist...der hat da mit Robert deNiro und einer größeren Gruppe gesessen und Travoltas Hochzeitstag gefeiert. So eine richtig laute italienische Runde. Es waren ebenso viele abgefahrene Köche da. Ferran Adrià und sein Bruder zum Beispiel. Die waren supernett und wir haben uns richtig lange unterhalten.

Warum hast Du dann Paris verlassen?

Ich hätte zu Pierre Gagnaire wechseln können, da wäre ich aber wieder so ungefähr ganz unten gestartet. Da es für mich im „la tour“ kein Weiterkommen gab und ich dort alles erreicht, was ich mir gewünscht hatte, dachte ich, dass es besser ist zu gehen wenn’s am Schönsten ist. Außerdem hab ich zu dem Zeitpunkt bereits eine Fernbeziehung geführt und so hab ich mich entschieden, für die Liebe wieder zurück nach Münster zu gehen. 


                      "Da hab ich Michael Jordan kennengelernt." 


Bist Du denn nochmal in Paris gewesen?

Ja klar, sowohl zum Arbeiten als auch privat. Über eine Freundin kam ich zu einer Firma, die Servicekräfte für Messen bzw. den temporären Restaurants auf Messen vermittelt. Meine erste Messe war der Salon de automobile und ich bei Mercedes für die Bar bzw. das Restaurant zuständig. Das war eine echt spannende Aufgabe, zumal ich noch nie auf einer Messe gearbeitet hatte. Der ganze Aufbau, wie das alles so funktioniert. Die stressigen Pressetage an denen alle angespannt sind und die wohl ziemlich ausschlaggebend für das nachfolgende Jahr sind.
Die deutsche Presse und Vorstände waren überrascht, jemanden vor Ort zu haben der ihre Sprache spricht. Einige der Journalisten habe ich dann immer wieder auf verschiedenen Veranstaltungen getroffen. Das war jedesmal ein lustiges Wiedersehen. 

Bis heute hält man da so manche Kontakte und ich bekomme immer mal Emails, ob ich bei diesem und jenem Event wieder am Start bin. Man lernt wirklich interessante Leute kennen und manchmal bekommst Du die verrücktesten Jobangebote. 

Zum Beispiel?

Flugzeuge verkaufen in Singapur steht bis heute aus…an einem Stand auf einer Flugzeugmesse bin ich für einen Hersteller quasi als Dolmetscherin eingesprungen, als der thailändische General für Luft und Raumfahrt bei uns rein spaziert kam. Die ganzen Asiaten haben das abgefeiert, dass da jemand plötzlich Thai und mehr spricht und so wollte mich der Hersteller direkt für seine Dependance in Singapur. 

Überhaupt war das arbeiten sehr chillig. Also wir haben zwar echt viele Stunden gekloppt, so meistens rund 12 am Tag. Aber ich habe mit meiner Freundin direkt beim Arc de triomphe in einer richtig coolen Maisonette gelebt. Wenn wir mal nicht gearbeitet haben, konnten wir das in vollen Zügen genießen.

Ich habe das zwar auch für das Geld gemacht, aber ich habe so viele tolle Menschen, mit für mich besonderen Lebenswegen,- und Geschichten kennengelernt. Da prägen einen die 2,3 Tage, die Du mit denen arbeitest. Das werde ich mein Leben lang wohl nicht mehr vergessen.





Was waren das für Veranstaltungen, wo man dann solche Leute trifft?

Ich habe zwischenzeitlich ja auch für einen der größten und ältesten Caterer Frankreichs gearbeitet. Die machen weltweit krasse Events. In Paris sowas wie die French open usw...
Wir hatten auch mal ein Event in Versailles. Das war heftig. Allein die Laufwege von der Küche bis in den Saal, da haben wir einen Marathon gelaufen. 

Das coolste war allerdings das Nike Event im Rathaus, im Hôtel de ville. Da hab ich Michael Jordan kennengelernt. Das war so geil…definitiv mein Highlight. 
Lilly Allen war an dem Abend auch da. 
Ich hatte den table d’honneur, also den Tisch an dem Michael Jordan saß. Wir haben im Service alle die neue Kollektion Air Jordan getragen. 
Auf die hat mich Michael Jordan dann angesprochen „ hey geile Schuhe haste da an…dürft Ihr die denn eigentlich behalten?“ 
Durften wir ja nicht und das hab ich ihm auch gesagt. Die waren ja noch nicht auf dem Markt und wurden gerade released. 
Tja und am Ende der Schicht kam mein Chef an und hat mir einen Karton in die Hand gedrückt „Mit lieben Grüßen von Herr Jordan“. 

Da waren dann meine Schuhe drin. Das war echt so geil!! Ich wäre natürlich am liebsten wieder hochgerannt, um mich zu bedanken und auf jeden Fall noch die Schuhe signieren zu lassen. Aber ich war ja auch schon umgezogen und an der Security vorbei. So professionell sollte man dann ja doch sein, sonst wär das sicherlich das letzte Mal der table d’honneur für mich gewesen….

Das witzige daran war, dass ich a) Nike und Air Jordan schon immer getragen habe und b) wir am nächsten Tag schon geplant hatten zu der 30 Jahre Air Jordan Ausstellung zu gehen, um uns die Dinger anzuschauen und einen Blick auf  Jordan zu erhaschen. Dann sitzt der da abends am Tisch und ist so ein cooler, netter Typ….abgefahren.Sowas passiert Dir wohl nur in solchen Jobs.

Und jetzt biste wieder hier in Münster! Auch was Schönes…!
Wir können uns auf jeden Fall glücklich schätzen, dass Du da bist! Ich denke da gerade mal an Dein Curry…wann hast Du angefangen das zu kochen?

Mir hat die Thaiküche einfach gefehlt. Meine Tante in Bangkok hat ein Restaurant, indem in ich jeder freien Minute rumgehangen habe. Da wusste ich ja schon wie es geht. Ich hab dann einfach drauf losgekocht. Und immer wieder probiert und optimiert. Überall, in Restaurants und auf Foodmärkten. Ich wusste ja genau, wie das Endprodukt schmecken muss. Seit vielen Jahren mache ich jetzt schon meine eigene Paste. Obwohl ich gestehen muss, dass ich sie in letzter Zeit auch mal ganz gerne kaufe.





Welche denn?

Mae Ploy ist die Marke…die haben rote, gelbe, grüne und das panäng. Letzteres mag ich am liebsten, weil da noch Erdnüsse mit drin sind. Die ist so schön cremig.

Hmmmm….oh wir müssen gleich unbedingt zusammen kochen…ein paar Fragen hab ich aber noch, auf die Du vielleicht ein kurzes Statement geben kannst…hast Du Restaurantempfehlungen, wenn man lecker thailändisch essen möchte?

Das Baan Thai in Düsseldorf und in Paris das Viet Thai. In Bangkok einfach Streetfood.

Und was ist Dein Lieblingsrestaurant? 

Definitiv das Astrance in Paris…super Service und wirklich fabelhaftes Essen.





Was musst Du immer zuhause haben? Reis.

Dein liebstes Kochutensil? Mein Wok.

Was kochst Du, wenn Du Gäste hast?

Mein Curry und Frühlingsrollen.

Welches Land reizt Dich kulinarisch?

Definitiv Japan, aber auch China und Vietnam.  

Deine Lieblingsplätze in Deinen Städten Paris& Bangkok?

In Paris das quartier chinois, der Eiffelturm und der Jardin des Tuileries.
In Bangkok der Siamsqare, Chinatown und der JJweekendmarket.

Angie, vielen Dank für Deine Zeit! Das war mega interessant…jetzt kochen wir Curry, oder?

Ja sicher!!

Wenn Ihr wissen möchtet, wo Angie schon überall war und wo sie gegessen hat, dann folgt Angie auf Instagram (angievgl) . Bei den Bildern läuft einem das Wasser im Mund zusammen…..